Erst ruft man an, also nicht man, sondern ich. Bis dahin ist das Ganze ganz einfach. Wenn einer rangeht, dann ist das meistens eine Frau und die sagt das sie mit zur Familie gehört und das stimmt aber gar nicht und das weiß sie ganz genauso gut wie du. Dann sage ich, dass ich gerne heute noch vorbeikommen möchte und die Frau sagt dann ob das geht oder ob sie erst noch ihren Kaffee trinken und ihre Stulle essen möchte und ich dann erst am nachmittag kommen soll oder dass das gar nicht mehr geht oder ganz schon knapp wird oder dass ich mich dann jetzt aber beeilen muss. Zu mir hat sie jetzt gesagt das geht. Also gehe ich auch. Ich war lange nicht mehr da, deswegen muss ich jetzt schon einen Schal ummachen und mir Geld ins Portemonnaie stecken. Beim gehen verändert sich ganz viel. Ich überlege was ich sage – und vor allem wie, denn das ist wichtig. Wenn der Körper nicht mehr kann ist das nicht so schlimm, aber wenn der Kopf nicht mehr kann, dann ist das scheiße. Meiner kann gerade nicht. Wenn man so geht, also ich, übt man Sätze bilden mit Wörtern, die man nachher irgendwann sagen will. Grob hab ich jetzt alles beisammen und hoffe einfach dass ich nachher nichts vergesse. Ich überleg mir das mehr spontan zu machen. Ich schaff das schon. Jetzt hab ich noch einen Moment Zeit über was anderes nachzudenken. Meine Gedanken gehen jetzt auch, nämlich zur Ampel. Ich bin noch ein bisschen von ihr entfernt. Ich geh extra ein bisschen schneller um noch bei grün rüber zu gehen. Meine Gedanken machen das auch. Scheiße. Rot. Der Tag ist gelaufen. Noch zwei Minuten mehr in denen man nachdenken muss. Ich verfluche die Stadt und gleichzeitig die Möwen, die jetzt zwei Minuten länger die Chance haben mir auf den Kopf zu kacken. So. Grün. Da vorne ist es. Kurze Gedankenkontrolle… Alles wieder vergessen. Mist. Später noch mal sortieren. Jetzt erstmal Tür auf, Tür zu, Treppe rauf und dann endlich: Anstehen. Das geht schnell. Alle die vor mir standen haben Treppe runter, Tür auf, Tür zu gewählt oder sitzen jetzt. Ich erzähl der Frau, dass ich gerade angerufen habe. Sie sagt “Okay” und fragt mich ob ich schon bezahlt hab. Ich sag “Nee” und geb ihr mein Geld und meine Plastikdaten. Das findet sie gut und zeigt mir das mit ihrer Hand, die auf ein bis drei große graue Plastikstühle zeigt. Ich entscheide mich für den, von dem aus ich die nächste Tür sehen kann. Außerdem für einen ohne Sitznachbarn, da hab ich jetzt nämlich gar keine Lust drauf. Mir wird klar, dass das hier noch dauern kann. Aber die wissen das wohl auch und ich greife zu einer Zeitung die nicht an mich adressiert ist. Mich zu entscheiden fiel mir schwer. Hier gibts nämlich Zeitungen, in denen schlaue Sachen stehen, die erklären was gerade in der Welt los ist und andere, die zeigen wie schön schwedische Gartenhäuser sind und welche Gartenzwerge am besten dazu passen. Ich mag die Gartenzwergzeitungen sonst eigentlich lieber, weil da alles so schön heileweltmäßig ist. Da gucke ich dann rein und find alles hübsch und die Gedanken spielen trotzdem wilde Sau. Das fand ich blöd, deswegen entschied ich mich für eine mit Text, damit mein Kopfkrieg kurz Sendepause hatte. Die war auch mit Krieg. Im Hintergrund große rote Flammen, vorne ein schwarzer Mann mit Helm und Gewehr und was von über hunderttausend Toten und das ja immer noch kein Frieden ist und darüber brannte das Wort “Irak” ab. Irgendwann, als ich mitten in den Irakprotokollen war, fiel mein Name und das Chaos war wieder da. Die Frau zeigt mit ihrer Hand auf den nächsten grauen Plastikstuhl. Diesmal aber in einem anderen Raum. Ohne Zeitungen und mit einem Kopf voller Krieg setzte ich mich. Alles was ich hörte war nur der Moderator von nebenan. Anscheinend war die Sendung zu Ende. Das einzige was fehlte waren klatschende Zuschauer. Aber vielleicht war es nicht zum klatschen. Während die Schritte des Moderators den einen Raum verließen und in den anderen gingen, wusste ich dass ich auch nicht klatschen würde. Sie gingen in den mit dem grauen Stuhl und der Frau mit dem Kriegeskopf. Die nächste Sendung begann. Der Moderator setzte sich auch, aber nicht auf graues Plastik, sondern auf schwarzes Leder und stellte Fragen. Durch den Krieg (und zwar nicht den aus der Zeitung) fiel es mir schwer die richtigen Worte zu finden und ich ärgerte mich, dass ich nicht das Gartenzwergheft genommen hatte. Er rutschte mit seinem Drehstuhl und seinem Ohr ganz nah an mich ran. Was mir signalisierte das meine Lautstärke noch nicht der Sendung angemessen laut war. Ich redete immer noch durcheinander, aber lauter. Er saß da und grinste und ich wurde stinksauer. Ich sagte ihm alles was in meinem Kopf so umherwirbelte. Er schimpfte über Zettel die ich nicht hatte und fand das alles wohl sehr lustig, was ich daraus entnahm dass er immer noch grinste. In meinen Augen stieg der Wasserstand. Ich sagte dass er total gemein und unfähig war diese Sendung zu moderieren und das er seinen Beruf verfehlt hat, der dumme alte Sack. Außerdem ist er total aufdringlich und respektlos und dass er eine Visage hat bei der sich mir gerade der Magen umdreht. ich diese Zettel leider nicht bei mir habe, mich aber bemühen werde sie so schnell wie möglich zu besorgen. Ich brauchte auch einen Zettel von ihm, den er mir nicht geben wollte, da hätte ich am liebsten ganz laut geschimpft. Mit gesenkten Kopf verließ ich ohne Applaus das Studio. Jetzt war der Kopfkrieg ganz schlimm, da halfen auch keine mitleidigen Blicke von Frauen hinter Tresen. Das einzige was ich mir wünschte war Schnaps und eine Zigarette und für beides gab es noch einen langen kopfgesenkten Fußweg nach Hause. Mit drei roten Ampeln. Da man Tränensäcke nicht an Ufer stapeln kommte, brach der Damm und mit ihm jede Menge Wasser aus mir. Ich fand einfach alles und jeden scheiße. Außer einen und meine Zigarette. Der eine hilft immer, wenn bei mir wieder Krieg ist. Er hat nicht sieben Buchstaben, wie der Schnaps, sondern für mich nur drei – und zwei Arme.
Danke.